EISWERK GESTERN

Die „Cöpenicker Straße“ – so ihr historisch belegter Name – ist eine der ältesten Straßen Berlins und wurde bereits 1589 als Heeresweg in die Stadt Cöpenick angelegt. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich das Gebiet entlang der Spree als Berliner Holzmarkt. In der Köpenicker Straße 40-41 war der „Kleine Königliche Holzmarkt“ angesiedelt, ursprünglich Teil des Magistratholzmarktes. Das Grundstück Nr. 40-41 entstand rund um die ehemalige Ziegelei. Durch die ideale Lage am Wasser als Transportweg entwickelte sich die Köpenicker Straße sich im Laufe der Jahrhunderte als Industriestraße.

BIMMEL-BOLLES EISPRODUKTION

1893 erwarb Carl Bolle das Grundstück Köpenicker Straße 40-41 von den Holzhändlern Carl & Paul Eger.
Der Gründer der Meierei C. Bolle war auch unter dem Spitznamen „Bimmel-Bolle“ bekannt aufgrund der mit Handglocken bimmelnden Milchverkäufer auf seinen berühmten Bolle-Milchwagen. Drei Jahre später ließ er hier Kunsteis produzieren. Darüber hinaus ließ er ein Hoch-Kühlhaus für verderbliche Lebensmittel errichten – eines der ersten in ganz Europa! Die Eisproduktion startete Bolle bereits in den 1860er Jahren in Rummelsburg, wo er Natureis aus den zugefrorenen Seen „ernten“ ließ. 1868 betrieb sein Unternehmen 18 Kühlhäuser. Drei Jahre später verkaufte der die Eiswerke Rummelsburg, um 1872 die Norddeutschen Eiswerke A.G. mit drei Standorten in Berlin zu gründen.

Die Norddeutschen Eiswerke A.G. beauftragten 1910 den Architekten und Bauherrn Albert Biebendt mit der Errichtung einer zwei Höfe umschließenden Wohn- und Fabrikanlage. Zwischen den Jahren 1913 und 1924 wurde die Anlage nach und nach modernisiert und mit drei Kühlhäusern und einem Kessel- und Maschinenhaus auf dem ufernahen Grundstück erweitert. Eine weitere Neuheit war 1914 die Installation der riesigen Eisgeneratoren und Kältemaschinen der Halleschen Maschinenfabrik und Eisengießerei. In einem Vortrag über „Die Berliner Kühlhäuser der Gesellschaft für Markt- und Kühlhallen“ referierte Prof. Dr. Carl von Linde, der Gründer der konkurrierenden Linde AG darüber, dass die „…Gesellschaft Norddeutsche Eiswerke die Errichtung eines bedeutenden Kühlhauses unternommen und es dem Betrieb übergeben hat… . Um so mehr mag es vielen als ein beinahe verwegenes Unternehmen erscheinen, bei einer noch so wenig entwickelten Industrie gleich in einem Maßstabe einzusetzen, wie es bei den neuen Kühlhäusern geschehen ist.“ Die Norddeutschen Eiswerke A.G. in der Köpenicker Straße waren nun unabhängig vom unvorhersehbaren Wetter und entwickelten sich daher zu Deutschlands größter Fabrik für Eisproduktion und Kühlung.

Die Kühlhäuser hatten bereits Ende der 1920-er Jahre einen „Gleisanschluss“: Für den Gütertransport wurden Waggons auf ein Räderwerk gestellt und fuhren so von der Kühlhausrampe zum Güterbahnhof Görlitzer Bahnhof. Dazu musste die Toreinfahrt zur Fabrik an der Köpenicker Straße vergrößert werden.

DER ANFANG VOM ENDE

Bomben haben einen Teil des Wohngebäudes im Zweiten Weltkrieg zerstört. Nach dem Krieg wurden die Eiswerke enteignet und am 1. Januar 1952 als volkseigener Betrieb unter dem Namen „VEB Kühlbetrieb Berlin, Werk II“ geführt. 1986 wurde der Betrieb der Norddeutschen Eiswerke AG eingestellt, da der Bedarf an Großkühlhäusern und Kunsteis schrittweise sank. Die Stangeneisproduktion im VEB Kühlbetrieb in der Köpenicker Straße wurde 1991 komplett eingestellt. 1992 – nach der Wiedervereinigung – wollten die verbliebenen Mitarbeiter den Betrieb selbst erwerben. Doch das Geschäft versprach keine Zukunft und die Kühlhäuser wurden 1995 geschlossen – nachdem sie 99 Jahre ununterbrochen in Betrieb waren.

Die TLG Treuhand Liegenschaften (heute TLG IMMOBILIEN AG), seinerzeit als staatliches Unternehmen für die Privatisierung der Ostbetriebe nach dem Fall der Berliner Mauer zuständig, übernahm das geschichtsträchtige Grundstück samt der darauf befindlichen Immobilien. In den nächsten 20 Jahren zerfielen die Gebäude auf dem Gelände, welches 2008 in zwei Grundstücke aufgeteilt wurde. Einige der Kühlhäuser wurden 2010 abgerissen, heute jedoch stehen die verbliebenen Gebäude unter Denkmalschutz. Trockland erwarb 2016 eines der beiden Grundstücke mit Wohnhaus und querstehendem ehemaligen Kühlhaus.

Die Geschichte des Grundstücks basiert auf den Recherchen von Herrn Peter Schwoch, für dessen Arbeit wir dankbar sind.

© Mitte Museum Bezirksamt Mitte von Berlin Lauritz Lauritzen

DAS KÜHLHAUS

Großkühlhäuser für verderbliche Lebensmittel wurden in den USA erfunden und spielten eine sehr wichtige Rolle für diesen Industriezweig. Die Kühlhäuser der Eisfabrik in der Köpenicker Straße wurden entsprechend der amerikanischen Vorbilder produziert und beispielsweise mit 15 cm dicken Korkplatten gedämmt. Das abgebildete Kühlhaus wurde 1910 als Maschinenfabrikgebäude errichtet und von den Norddeutschen Eiswerken an verschiedene Gewerke vermietet. 1938 wurde es als Kühlhaus umgebaut in einer Weise, dass man die vertikalen Fensterbänder, die zwischen Lisenen angeordnet sind, mit Mauerwerk verschloss und im Innern die Wände mit entsprechendem Isoliermaterial (Kork) dämmte.

© bpk/Kunstbibliothek SMB Photothek Willy Römer Walter Stiehr

AUSLIEFERUNG DER EISBLÖCKE

Die Eismaschine neuesten Typus der „Hallesche Maschinenfabrik und Eisengießerei“ war im Jahr 1914 revolutionär und in der Lage, Stangeneisblöcke von 1,5 Metern Länge zu produzieren. In früheren Zeiten, als Kühlschränke noch kein allgegenwärtiger Gebrauchsgegenstand waren, wurden Eisblöcke beispielsweise an Brauereien ausgeliefert. Daher war eine Lage mit guter Verkehrsanbindung wichtig für eine schnelle Auslieferung.

© bpk/Kunstbibliothek SMB Photothek Willy Römer Walter Stiehr

WAHRLICH ERFRISCHENDE ARBEITSPAUSEN

Die Eisfabrik in der Köpenicker Straße beschäftigte in den 1920er Jahren zwischen 80 und 100 Arbeiter. In Spitzenzeiten wurden hier täglich um die 7.000 Zentner Stangeneis produziert. Die Kühlhäuser verfügten über eine Kapazität von rund 7.000 Quadratmetern vermietbarer Fläche.

© Familie Wolf/Peter Schwoch

DAS WOHNHAUS

Der Architekt und Bauunternehmer Albert Biebendt (1873 – 1939) wurde 1910 mit dem Bau des Wohnhauses samt Seitenflügel in der Köpenicker Straße beauftragt. Biebendt gilt als Spezialist vor allem für Gewerbe- und Industriebauten. Das Wohnhaus diente als Tor zum rückwärtigen Grundstück und beherbergte im Erdgeschoss einige Gewerbe- und Einzelhandelsflächen, darunter eine Bank, ein Blumengeschäft, einen Tabakladen etc. Im Zweiten Weltkrieg wurde in der Nacht vom 3. Februar 1945 ca. 2/3 des Vorderhauses durch eine Bombe zerstört.

DER EISBÄR

Ein zufällig entdecktes Schwarz-Weiß-Foto aus den 1920er Jahren offenbarte uns die einstige Größe und Pracht des Wohnhauses in der Köpenicker Straße. So lernten wir einiges über die Architektur des gesamten Gebäudes, bevor es teilweise von Bomben zerstört wurde. Bemerkenswert war vor allem ein metaphorisches Symbol, welches auf die Nutzung der Anlage hinwies: Den Giebel zierte ein Fresko aus Ettringer Tuffstein mit einem Eisbären auf einer Eisscholle, von Eiszapfen eingerahmt.

Beeindruckt von der Handwerkskunst und Besonderheit des Reliefs war uns sofort klar, dass das Logo für EISWERK einen Eisbären darstellen musste. Daher haben wir uns für eine moderne Eisbären-Interpretation von den geometrischen Strukturen von Eiskristallen und vom Architekturthema der Neubauten inspirieren lassen.

Im Laufe der Jahrzehnte war die Köpenicker Straße 40-41 die Heimat vieler Familien. Ebenso waren hier kleinere und größere Firmen angesiedelt. Einer der ehemaligen Bewohner in einem Vorläufer-Gebäude auf dem Grundstück war Friedrich Wilhelm Langerhaus (1780 – 1851), Berlins erster Stadtbaurat.

In den 1930-er Jahren warb der direkt an der Straße gelegene Blumenladen von Agnes Hösrich mit einer noch nicht alltäglichen Dienstleistung: „Blumenspenden“. Die Blumenspenden-Vermittlungs-Vereinigung ist der Vorgänger von Fleurop, die Blumensträuße in Berlin und darüber hinaus auslieferte.

Richard und Gertrud Baruch lebten hier bis 1942, als sie den Freitod wählten, um der zu erwartenden Deportation zu entgehen. Ihr Sohn Martin Moshe Baruch konnte bereits 1938 nach Palästina flüchten. Doch die Baruchs sind nicht vergessen, denn Stolpersteine vor dem Haus erinnern an die Familie.